Hermann-Staudinger-Straße, Queichheim
Benennung: 21.07.2015
Begründung: Wissenschaftliche Verdienste
Grundlage der kritischen Untersuchung
Antisemitismus, Anbiederung an NS-Staat
Ergebnis: Berufliche Biografie teilweise belastet
Stadtratsbeschluss 2025: Öffentliche Kontextualisierung vor Ort
Hermann Staudinger
*23.03.1881 Worms; †08.09.1965 in Freiburg im Breisgau
Chemiker, Nobelpreisträger 1953
Hermann Staudinger studierte Chemie an den Universitäten von Halle, Darmstadt, München und promovierte 1903 in Halle. Nach seiner Habilitation 1907 in Straßburg war er außerordentlicher Professor für Organische Chemie an der Technischen Universität Karlsruhe und von 1912-1926 Ordinarius für Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Im Jahr 1926 nahm er den Ruf an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg an und war bis 1951 Direktor des Chemischen Laboratoriums. Bis 1956 leitete er die von ihm 1940 begründete Forschungsabteilung für makromolekulare Chemie – das erste europäischen Forschungszentrum, das sich exklusiv mit der Erforschung von Makromolekülen in Natur und Technik und dem neuen Forschungsfeld der Polymerwissenschaften befasste.
Fazit
- Die Beurteilung Staudingers ist schwierig, da er 1933 von Rektor Heidegger wegen seiner pazifistischen Grundhaltung im Ersten Weltkrieg bei der Landesregierung denunziert worden war. Staudinger musste daraufhin zwei Verhöre in Karlsruhe über sich ergehen lassen und sein eigenes Rücktrittsgesuch aufsetzen.
- Dieses blieb auf Intervention einflussreicher Kreise der chemischen Industrie unbeantwortet liegen, seine Existenz als Hochschullehrer folglich in der Schwebe.
- Staudinger wurde gewissermaßen aus Sorge um seine Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Polymere gezwungen, Wohlverhalten an den Tag zu legen.
- Im Jahre 1935 wurde er förderndes Mitglied der SS.
- Auch sah er sich in der Auseinandersetzung mit den Gegnern seines Konzepts der Makromoleküle als Opfer einer jüdischen Verschwörung (Deichmann), sodass ihn wohlmeinende Kollegen vor Übertreibungen warnen mussten.
- Selbst als es an deutschen Hochschulen keine jüdischen Studierenden mehr gab, sondern nur hier und dort einige 'Halbjuden', beschwerte er sich 1942 beim Rektor und beim Reichserziehungsministerium 'über zu viele Mischlinge'.
- Staudingers Institut betrieb zudem ‚wehrchemische’ Forschungen und galt zusammen mit dem Institut für Physik als das kriegswichtigste an der Universität.
- Gelder der Industrie und der Deutschen Forschungsgesellschaft flossen reichlich, sodass Staudinger 1940 ein Institut für makromolekulare Chemie an der Freiburger Universität begründen konnte.
- Ob Staudinger an der Weiterentwicklung von Giftgasen beteiligt war, ist nicht eindeutig nachweisbar.
- In seinem Rechenschaftsbericht vom 6. Juli 1945 über die Lehrtätigkeit in nationalsozialistischer Zeit war von all dem keine Rede.
- Staudinger wurde schon während seiner Freiburger Zeit (1926-1951) hoch geehrt, galt als einer der führenden Chemiker der Welt und erhielt 1953 den Nobelpreis für Chemie.
- Trotz all dieser Verdienste wiegen das ‚Sich-Anbiedern’ an den Nationalsozialismus und seine kriegswichtigen Forschungen schwer.
Literatur
Martin, Bernd: Die Entlassung der jüdischen Lehrkräfte an der Freiburger Universität und die Bemühungen um ihre Wiedereingliederung nach 1945, Freiburger Universitätsblätter, Heft 129, September 1995, S. 7–46.