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Rathaus 2 © Rolf H. Epple Stadt Landau
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Landauer Leute

Eine Stadt feiert: Vor 750 Jahren, am 30. Mai 1274, erhielt die Stadt Landau aus den Händen des damaligen Königs Rudolf I. die Rechte einer Stadt. Ein ungemein wichtiger Meilenstein, den das Landauer Stadtarchiv zum Anlass für eine historische Zeitreise nimmt. Stadtarchivarin Christine Kohl-Langer und ihre Mitarbeitenden stellen jede Woche eine von insgesamt 52 Biografien von Landauerinnen und Landauern vor und werfen so spannende Schlaglichter auf 750 Jahre Stadtgeschichte, vom Mittelalter bis in die Neuzeit.

Die Texte erscheinen immer mittwochs in der Tageszeitung DIE RHEINPFALZ und anschließend auch hier auf der städtischen Internetseite.

01 Die Urkunde: 750 Jahre Stadt Landau

Eine Stadt feiert! In diesem Jahr werden wir einen juristischen Akt würdigen, der 750 Jahre zurückliegt, der in lateinischer Sprache den meisten nur in einer Übersetzung verständlich ist und der dennoch für uns Landauerinnen und Landauer identitätsstiftend ist: Wir leben seit Jahrhunderten in einem urbanen Umfeld, das auf die Region in all seinen Konsequenzen ausstrahlt. Und wohl auch in Zukunft als Mittelzentrum in der Region von Belang sein wird.

Am 30. Mai 1274 verlieh Rudolf von Habsburg der Ansiedlung an der Queich, die seit einigen Jahren städtische Strukturen aufweisen konnte, die Stadtrechte. Was für ein Tag! Und dabei für die damalige Zeit nicht besonderes. Mit diesem zentralen Herrschaftsinstrument wurden auch andere Ortschaften, wie Germersheim, sogar Godramstein und Bergzabern, um nur eine kleine regionale Auswahl zu nennen, zwischen 1276 und 1286 von dem Habsburger privilegiert.

Rudolf war, wie häufig, nicht selbst vor Ort, sondern in Haguenau, unserer seit vielen Jahrhunderten verbundenen Partnerstadt im Elsass. Und deren Stadtrechte verlieh er dem „Oppidum“ seines Neffen Emich IV. von Leiningen. Alles andere als spektakulär, sondern Alltagsgeschäft eines Königs, der damit strategisch den Ausbau seiner politischen und wirtschaftlichen Macht plante.

Die Urkunde existiert nicht mehr, sie ging bei der Belagerung während der Französischen Revolution 1793, wie anderes Schriftgut aus dem Mittelalter, verloren. In unserem Archiv kennen wir zwei Abschriften dieser Urkunden in sogenannten Kopialbüchern. Die älteste Abschrift stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert, zu lesen im „Großen Ratsbuch“ der Stadt, ein Foliant mit Holzdeckel und Beschlägen aus Metall, der auch im Museum für Stadtgeschichte gezeigt wird.

Von zentraler Bedeutung war die Verleihung des Marktrechtes. Für das Wirtschaftsleben hatten diese nun wöchentlich, immer mittwochs, stattfindenden Marktangelegenheiten eine große Bedeutung. Die Lage, die Funktion als Umschlagplatz, Art und Menge der zum Markt gebrachten und umgesetzten Waren, der rechtliche Schutz der Marktbezieher und der Betrieb des Marktverkehrs gehörten zum Erwerbsleben der Bewohner einer Stadt. Der wöchentliche Markt war über viele Jahrhunderte hinweg mit seinen Einrichtungen der Mittelpunkt der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens in Landau und der Umgebung. Die verliehenen Stadtrechte von Haguenau, die nun auch in Landau galten, werden nicht explizit genannt, sind jedoch sehr vielfältig. Zentrale Kennzeichen einer mittelalterlichen Urbanität in des „Landes Aue“ waren neben dem Marktrecht, die schützende Befestigung, die städtische Verfassung mit einer funktionierenden Verwaltung und die städtische Gerichtsbarkeit, die nun durch die Privilegierung bestätigt und ausgebaut werden konnten. 1291 erneuerte Rudolf von Habsburg die Privilegierung, übrigens wieder in Haguenau, und er bestätigte nun unserer Stadt die Rechte und Freiheiten einer Reichsstadt.

Und Landau nahm einen rasanten Aufschwung. Der Markt regte Handel und Verkehr an und förderte nicht zuletzt auch die Ausbildung und Entfaltung des mit dem Kleinhandel eng verbundenen Handwerks und Gewerbes. Marktgeschehen und der Marktplatz, im Mittelalter um die Stiftskirche in enger Nachbarschaft zum mittelalterlichen Rathaus und der Engel-Apotheke, bildeten während des gesamten Mittelalters hindurch, das Zentrum städtischen Lebens. Der Umfang der Stadt ist uns allerdings weitgehend unbekannt, wahrscheinlich glichen die Umrisse einem Rechteck, begrenzt im Westen von der Waffenstraße, im Norden von der Kramstraße, im Osten von der heutigen Weißquartierstraße und im Süden von der Reiterstraße. Wie bei jedem Wandel, jeder Veränderung gab es aber auch Verlierer: Die umliegenden Dörfer Eutzingen, Mühlhausen, Oberbornheim und Servelingen konnten nicht Schritt halten, sie sind uns heute nur noch in Form von Hinweisen bekannt.

52 Landauer Leute oder Personen, die die Stadtentwicklung entscheidend beeinflussten, werden Sie in diesem Jahr jeden Mittwoch auf einer historischen Zeitreise begleiten. Es werden uns Bekannte begegnen, aber auch bislang ungenannte Männer und Frauen werden erzählen, wie es sich in einer Stadtgesellschaft lebte, die in der Region immer eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zentrumsfunktion innehatte. Und warum mittwochs? Ganz einfach: Der 30. Mai 1274 war ein Mittwoch!

02 Stadtgründer mit Taktik: Emich IV. von Leiningen-Landeck

Ein Territorium kommt selten allein – dies stellte Graf Emich IV. von Leiningen, Spross eines einflussreichen pfälzischen Adelsgeschlechtes mit Stammsitz auf Burg Altleiningen, bereits in jungen Jahren unter Beweis. Machtbewusst stritt der erst 22-Jährige mit seinem Bruder um das väterliche Erbe. Der Onkel, der Speyrer Bischof von Eberstein, vermittelte, und Emich erhielt 1237 u.a. die Leininger Hälfte, der in diesem Zusammenhang erstmals urkundlich erwähnten Burg Landeck mit den dazugehörigen Orten und Rechten. Und mit jedem Jahr wurden es mehr: Die Madenburg mit den umliegenden Dörfern und die heutigen Landauer Stadtdörfer Arzheim, Nußdorf, Dammheim und Queichheim waren nun Teil seiner territorialen Ansprüche.

Und zwischen all jenen Gebieten, umgeben von Queichsümpfen, lag sie: des Landes Aue. Noch unbedeutend und wenig bevölkert. Emich wusste, dass zügiges Handeln nur von Vorteil sein konnte. Und er sah das Potential dieser kleinen Ortschaft. An der Queich erhob sich bald eine kleine Burg, die die Siedlung schützte und ihre Entwicklung förderte. Landau entfaltete sich sowohl wirtschaftlich, als auch administrativ. Bald glich die Siedlung einer Stadt, was auch Emich nicht entging. So bezeichnete er bereits 1268 Landau in einer Urkunde als civitas nostra, also als „unsere Stadt“.

Territorienbildung und –ausweitung im Stile Emichs war die Grundlage für die Schaffung einer urbanen Struktur. Die Umwandlung zu einer bewohnten und bewirtschafteten Siedlung zeigen an: Hier soll ein Zentrum geschaffen werden. Erste städtische Strukturen wie die der Selbstverwaltung deuten auf einen urbanen Fortschritt hin, aus der zunächst unbedeutenden Siedlung erwuchs eine florierende Siedlung.

Auch politisch verfolgte Emich eine Taktik. Er wechselte ständig die Lager, von der staufertreuen zur päpstlichen Politik und zurück. Dahinter stand ein ausgeklügeltes - und vor allem erfolgreiches -  System.  Mit dem neugewählten König Rudolf von Habsburg war er in gutem Kontakt, standen die beiden doch in verwandtschaftlicher Beziehung, was noch weitreichende Folgen haben sollte.

03 Adelige Heiratspolitik: Margarete von Sponheim-Kreuznach

Viel wissen wir nicht von ihr, der zweiten Ehefrau von Emich IV. von Leiningen. 1268, sechs Jahre vor der Verleihung der Stadtrechte, begegnet sie uns in einer zentralen Landauer Urkunde. In diesem Schriftstück begünstigen Emich und seine zweite Ehefrau Margarete ein Hofgut des Eußerthaler Kloster in Landau, am Standort der Roten Kaserne, und weitere Klostergüter in Bornheim und Dammheim. Diese Urkunde gilt bis heute als eine Ersterwähnung Landaus, hier sprechen Emich und seine Frau auch zum ersten Mal von „ihrer Stadt Landau“.

Wer war nun jene Margarete von Sponheim? Margarete war die einzige Tochter und Erbin des Grafen Eberhard II. von Jülich aus dem Hause Hengebach. Auch sie war verwitwet, ihr erster Mann, Simon I. von Sponheim-Kreuznach, war 1264 im Alter von 49 Jahren gestorben. Die Grafschaft Sponheim war ein ehemaliges reichsunmittelbares Territorium in der Nahe-Hunsrück-Gegend. Im gleichen Jahr war auch die erste Ehefrau Emichs, Elisabeth d' Aspremont, auf der Burg Landeck verstorben.

Nur wenige Monate später schlossen nun Emich IV. und Margarete von Sponheim-Kreuznach eine mit erheblichen Geldsummen einhergehende Heiratsvereinbarung, die auch die Vermählung ihrer Kinder vorsah: So sollte der Sohn Emichs die Tochter Imagina von Sponheim und Adelheid von Leiningen den Sohn Margaretes, Johann den I. von Sponheim, ehelichen. Man beschloss eine Dreifachhochzeit, von Zuneigung war dabei keine Rede.

Zweck dieser Eheschließungen waren Erhaltung und Ausweitung der politischen und wirtschaftlichen Macht. Und für Emich lagen die Vorteile klar auf der Hand: Mit dieser Ehe vergrößerte er seine Machtposition und auch Margarete konnte für sich und ihre Kinder einen standesgemäßen Einfluss sichern.

Als Herrschaftsaufgabe wurde adeligen Frauen die Beeinflussung ihrer Ehemänner zur Barmherzigkeit aufgetragen. Konkret sollten sie als Petentin und Vermittlerin agieren. Und das insbesondere in Angelegenheiten der Religion, des Glaubens und der Kirche.

Insofern war es für unsere mittelalterliche Stadtgesellschaft von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung, dass dem regional einflussreichen Eußerthaler Kloster, in Landau wirtschaftliche Vorteile eingeräumt wurden. Margarete starb 1291, zehn Jahre nach ihrem Ehemann Emich.

Übrigens: Sohn Emich V. heiratete schließlich doch nicht seine Stiefschwester, sondern eine Tochter der Kunigunde von Habsburg, wahrscheinlich die bessere Partie.

04 Eigennützige Stadtrechtsverleihung: König Rudolf von Habsburg

Von 2.223 ausgefertigten Urkunden gingen 662 an eine Stadt und unter den 943 Empfängern waren 222 Städte: Schon diese Menge an Schriftgut zeigt, wie wichtig dem 1273 in Aachen gekrönten König Rudolf von Habsburg eine erfolgversprechende Städtepolitik war. Der König schien hochmotiviert, so viele Städte wie nur möglich mit Stadtrechten auszustatten. Man könnte beinahe von einem Privilegierungsdrang sprechen. Und was hatte Rudolf von alldem? Eines ist sicher, aus Selbstlosigkeit verhalf er den Städten nicht zur Blüte. Die Gründe sind in erster Linie in der Reichspolitik zu finden. Während der kaiserlosen Zeit war früheres Reichsgut in fremde Hände übergegangen. Dies konnte der 55-jährige König nicht akzeptieren - er forderte es nun zurück und organisierte es neu.

Auf die Bitte seines Neffen, des Landauer Territorialherrn Emichs IV. von Leiningen, sollten nun auch dessen Siedlung besondere Rechte zugesprochen werden. Am 30. Mai 1274 war es soweit: Landau bekam seine Stadtrechte durch den König verliehen. Wenn das nicht nach Freiheit roch! Die Burg auf der Land Aue war ebenso ein Teil des Reichslehens. Kein Wunder also, dass Rudolf sie förderte und aufwertete. Zusätzlich bekam er von der Stadt finanzielle Zuwendungen.

Die Privilegien waren dieselben wie die der Stadt Hagenau. Zu den wichtigsten Rechten zählten die Selbstverwaltung und der Wochenmarkt. Sie bedeuteten Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch Existenzsicherung und Bevölkerungszuwachs.  So verstaubt die „mittelalterliche Stadt“ auch klingen mag, Grundelemente sind bis heute erhalten. Freiheitliche Rechte, wie die städtische Gerichtsbarkeit, bildeten die Handlungsgrundlage für eine Stadt und waren Ausdruck einer mittelalterlichen Urbanität.

Auf die erste Privilegierung für Landau folgte bald die nächste. Im Jahr 1291 wurde die Stadt zur Reichsstadt erhoben. Und damit ergatterte sie einen besonders hohen Rang in der Städteordnung. Durch diese Privilegierungen gelang es Landau, sich schnell weiter zu entwickeln und bestimmte Handlungen zu vollziehen.

Rudolf starb am 15. Juli 1291 in Speyer. Er inszenierte seinen Tod am Ort der Grablege von salischen und staufischen Königen und manifestierte damit den Anspruch der Habsburger auf deren Nachfolge.

05 Fremd in der Stadt? Neiher und Selkint Nase

Wir haben nur wenige Informationen zur mittelalterlichen Sozialstruktur. Immer wieder begegnen uns Juden in der aufstrebenden Stadtgesellschaft an der Queich. Die ersten namentlich erwähnten Juden sind das Ehepaar Neiher und Selkint Nase, die 1329 in der „oberen Judengasse“ mit zwei Häusern begütert waren. Möglich, dass die frühere „Große Judengasse“, die heutige Theaterstraße, mit der mittelalterlichen „Oberen Judengasse“, 1319 zum ersten Mal erwähnt, identisch ist. Auch dürfen wir uns dort kein jüdisches Getto vorstellen, vielmehr gibt es zahlreiche Belege dafür, dass in jenen Judengassen auch christliche Nachbarschaft ansässig war.

Das unzusammenhängende, in verschiedenen Archiven lagernde Schriftgut zur jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Landau, ergibt kein stringentes Bild. Wir können jedoch davon ausgehen, dass seit Mitte des 13. Jahrhunderts jüdische Familien in Landau lebten und arbeiteten, ihrem religiösen Ritus nachgehen konnten und eine nicht unerhebliche Steuerleistung aufzubringen vermochten. Als Händler und Kaufleute waren jüdische Stadtbewohner zwar willkommen, dennoch lebten die meisten Juden im Mittelalter stets in einem Spannungswechsel zwischen Duldung und Ausweisung und häufig genug in prekären Verhältnissen.

Wir wissen nicht, wie es dem Ehepaar Nase in der Stadt erging. Ob sie wohl die 20 Jahre später grassierende Pest in Landau erlebten? Auch über den lokalen Verlauf dieser Epidemie im Jahr 1349 wissen wir kaum etwas. In Speyer und Worms etwa, wurde der jüdischen Bevölkerung die Schuld an der Seuche zugeschoben, dort wurden sie verfolgt und aus den Städten zeitweise ausgewiesen. Nichts lässt vermuten, dass es in Landau anders gewesen sein sollte.

06 Patrizier und Schultheiß: Jakob Hartlieb

Eigentlich ist es eher selten, dass nennenswerte biografische Daten zu Landauer Persönlichkeiten aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit überliefert sind. Jakob Hartlieb, genannt Wallsporn, ist eine Ausnahme. Er war nicht nur Schultheiß und vermögender Bürger der Stadt, er hinterließ zudem ein „mit starkem Zwirn geheftetes“ Tagebuch, in dem er zwischen 1470 und 1499 Auskunft zu seinem Leben gab. So erfahren wir einiges über seinen Besitz, der aus Kauf- und Pfandbriefen, aber auch aus Landbesitz in den Gemarkungen Mühlhausen, Eutzingen und Wollmesheim bestand. Aber auch Privates und Alltägliches hielt er fest. So zum Beispiel alle Namen seiner 15 Kinder und Daten zu ihren einflussreichen und vermögenden Paten. Ganz in der Tradition des mittelalterlichen Hausvaters hielt er in seinem „Hausbüchlein“ auch Rezepte zu Gallensteinen oder Geschwüren fest. Leider ist das Original während des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen, zum Glück besitzen wir eine handschriftliche Zusammenfassung aus dem 19. Jahrhundert.

Jakob Hartlieb wurde 1441 in Landau geboren, den Beinamen verdankte er der Großmutter väterlicherseits, der Landauerin Agnes Wallsporn. Jakob studierte an der Heidelberger Universität Rechtswissenschaften und heiratete Elisabeth Weinheimer aus Mosbach. Die Familie war vermögend, im Landauer „Pfennigbüchlein“, dem Verzeichnis der Reichssteuerabgaben, des „Gemeinen Pfennigs“ aus den Jahren 1495/1510, steht er mit seinem Hausstand an erster Stelle der Steuerzahler.

1479 wurde er vom Bischof von Speyer, an den seit 1324 die Stadt verpfändet war, zum Schultheißen der Stadt Landau ernannt. Er schwor den noch vorhandenen Landauer Schultheißen-Eid, nämlich die Rechte des Reiches und des Bischofs von Speyer zu bewahren und dem Rat der Stadt „getreu und hold zu sein“ und gemeinsam mit dem Bürgermeister für die Sicherheit innerhalb der Stadtmauern zu sorgen. Als Rechtskundiger stand er den zwölf auf Lebenszeit gewählten Schöffen vor und fungierte damit als eine Art überparteilicher Geschäftsführer der städtischen Gerichtsbarkeit. Ihm oblagen u.a. die Terminierung und Leitung der Gerichtssitzungen, die dienstags und freitags in der Stadt stattfanden. 1499 bestätigte Kaiser Maximilian seine Erhebung in den Adelstand.

Jakob Hartlieb starb am 8.2.1504 in Landau, vor genau 520 Jahren.

07 Wieder Reichsstadt: Kaiser Maximilian I.

Raus aus der Abhängigkeit, das war das Ziel der Landauer, das sie mithilfe von Kaiser Maximilians I. verfolgten: Seit 1324 war die Stadt an den Speyerer Bischof verpfändet. Nun hoffte man bei einem Besuch des Kaisers in der Stadt auf einen Wendepunkt für die Unabhängigkeitsbestrebungen.

Am 24. April 1508 rückte der hohe Besuch an. Seine Ankunft in der Stadt war spektakulär. Der Kaiser wurde begleitet von einem großen Gefolge, im Schlepptau 400 Pferde. Der Rat und die Bürger empfingen ihn voller Freude. Untergekommen war Maximilian I. im Helmstädter Hof, in der heutigen Königstraße 64. Einige der adligen Herren von Helmstatt hatten das Amt des Speyerer Bischofs inne und waren somit kirchliche Oberhäupter und Pfandinhaber der Stadt. Am selben Abend brachte der Rat noch Wein und Hafer in den Gasthof. Das Ritual der Verehrung hoher Persönlichkeiten gebührte natürlich auch dem Kaiser, denn er sollte vor der morgigen Besprechung positiv gestimmt sein.

In der folgenden Audienz hörte Maximilian sich das Anliegen der Landauer an. Sie beklagten vor allem die regelmäßigen Streitereien mit dem Bistum.

Der Kaiser versprach sein Engagement in dieser Sache zu Gunsten Landaus. Und tatsächlich schien er etwas in Bewegung zu setzen. Die offizielle Aufhebung der Pfandschaft gelang jedoch erst ganze sechs Jahre später. Die Stadt musste zuerst den Betrag von 15.000 Gulden (heute circa 350.000€) aus Eigen- und Reichsmitteln zahlen. Zwar stand es um die städtische Finanzen recht gut, dieser Betrag ließ sich jedoch ohne eine zusätzliche Besteuerung der Einwohner nicht aufbringen. Der Rat empfahl nun die Aufnahme von zehn jüdischen Familien, die jährlich 300 Gulden „Schutzgeld“ einbringen sollten. Die Landauer Zünfte stimmten dem zu – ein weiteres Beispiel dafür, dass die Aufnahme jüdischer Familien stets finanzpolitischer Erwägungen zugrunde lag.

Der Kaiser selbst steuerte von dem Gesamtbetrag gerade mal 1.000 Gulden bei. Für seine Verschuldungen und seinen prunkhaften Lebensstil war er bekannt, die Stadt konnte nicht mit mehr finanzieller Unterstützung rechnen. Dafür erhielt die Stadt pfandweise alle dem Reich zustehenden Privilegien.

In einer Urkunde vom 13. Januar 1512 bestätigte nun Kaiser Maximilian, dass die „Stadt Landaw“ dem elsässischen Zehn-Städte-Bund angehören sollte. Kaiser Karl V., der Nachfolger Maximilians, bestätigte 1521 die Zugehörigkeit Landaus zur kaiserlich-habsburgischen Landvogtei im Elsass. Diesem Bund gehörten u.a. auch unsere Partnerstadt Haguenau an.

Maximilian I. konnte somit einen Grundstein für die anbrechende Neuzeit in der Stadt legen. Denn die städtische Unabhängigkeit, sei es finanzieller, sei es rechtlicher Natur, war zu einer Zeit im Umbruch äußerst wertvoll.

08 Verklagt, verbannt, vernetzt: Johannes Bader

Johannes Bader, ein Pionier der Reformation, manifestierte den evangelischen Glauben in Landau. 1518 wurde er als Pfarrer an die Stiftskirche in Landau berufen. Diese Stelle trat er dann 1520 nach einem Studium in Heidelberg an, und zwei Jahre später trat er bereits offen gegen die Missstände innerhalb der katholischen Kirche auf.

Es entstand eine neue religiöse Ausrichtung, die viele Anhänger fand – allen Widrigkeiten zum Trotz. Überzeugt von den Ideen Luthers wird Bader auf Anlass des Speyerer Bischofs verklagt. Der Vorwurf: ignorieren der kirchlichen Lehrmeinung sowie Lehre und Predigt von Gegenteiligem, und man schien um das christliche Glaubensmonopol zu bangen. Bader ließ dieses Urteil nicht auf sich beruhen und protestierte. Letzten Endes bestand seine Strafe darin, nur noch das Evangelium predigen zu dürfen. Sofern dies für einen Verfechter des Protestantismus eine Strafe darstellte. Denn ihm ging es ja eben darum, das Evangelium in seinem ursprünglichen Sinne zu predigen. Bader prangerte in den Gottesdiensten immer und immer wieder die Missstände in der Kirche und in Landau an. Nach einigen Konflikten belegte man ihn 1524 schließlich mit dem Bann. Doch Bader wurde trotz seiner Gegner von der eigenen Stadt unterstützt: Landau hielt zu ihm und förderte die Reformation. Und das war gut für die Entwicklung der urbanen Strukturen in der Stadt. Denn kirchliche und religiöse Auffassungen sind grundlegende Teile einer Stadtbevölkerung. Sie stiften Identifikation und wirken untereinander verbindend. Nur durch Toleranz und Offenheit konnte Landau funktionieren. Neben der Gestaltung von reformatorischen Abendmahlsfeiern war der Reformator ein fleißiger Chronist. Sein katechetisches „Gesprächsbüchlein“ von 1526 war zeitlich sogar dem Katechismus Martin Luthers voraus.

Bader verbrachte ebenso viel Zeit mit Briefeschreiben. Er pflegte ein großes soziales Netzwerk, das aus bedeutenden Reformatoren bestand. Eine davon war Katharina Zell aus Straßburg.

Frauenfiguren spielten in der Reformationsgeschichte nur selten eine Rolle, zumindest wird das durch die Quellen vermittelt. Jedoch muss auch Frau Bader, die Gattin Johann Baders, keine unwichtige Stellung in der Reformationssache eingenommen haben. Schließlich bekam sie nach dessen Tod am 16. August 1545 das Haus von der Stadt geschenkt. Und trotzdem stehen wir vor der misslichen Lage, nur in krisenbehafteten Situationen etwas über Frauen in der Geschichte zu erfahren.

09 Der Hexerei beschuldigt: Barbara Wambsganß

Der Nußdorferin Barbara Wambsganß wurde am 8. Mai 1584 der Prozess gemacht. Die Landauer Verfahren gegen Hexerei und Zauberei zwischen 1580 bis 1596 unterlagen einer grausamen „Trendwelle“: der Hexenverfolgung. Das tragische Schicksal der Barbara Wambsganß soll nicht ungehört bleiben:

Jost Gangel aus Nußdorf, ein Mann mit finanziellen Mitteln und entsprechendem Ansehen, erhob 1584 Anklage gegen Barbara Wambsganß, ebenfalls aus Nußdorf. Der Vorwurf: sie betreibe im Landauer Stadtdorf Hexerei. Doch Barbara wies die Anklage vor dem Stadtrat zurück. Trotz Empfehlung des Rates, Jost möge seine Anklage überdenken, kam es zum Prozess. Die Angeklagte wurde für die Zeit des Prozesses inhaftiert – Jost beharrte weiterhin auf seiner Klage. Da das Dorfgericht Nußdorf lediglich über die Niedergerichtsbarkeit verfügte, wurden die Hexenprozesse vor dem Stadtgericht Landau verhandelt. In aller Regel leitete der Schultheiß die Sitzung und verkündete am Ende das Urteil; das Urteil gefällt haben allerdings die Schöffen. Dem Landauer Stadtrat und Stadtgericht war es aufgrund seiner Stellung erlaubt, Hexenprozesse selbstständig durchzuführen und eine eigene Vorgehensweise zu schaffen. Doch wie war es nun weiter vorgegangen im Prozess? Die „Carolina“, die peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. besagte, dass bei der Anklage von zwei unbescholtenen Bürgern das Gericht Zeugenaussagen einzuholen hatte. Die Anklagen und Zeugenaussagen liegen uns zwar nicht mehr vor, jedoch musste es ausreichend Aussagen gegen Barbara gegeben haben: es kam zur Anordnung der Folter.

Barbara blieb standhaft. Die Folterung, vorgenommen durch Meister Caspar, entlockte ihr kein „Geständnis“. Gegner Jost akzeptierte eine Freilassung Barbaras nicht und erneuerte seine Anklage. Der Rat zögerte, leitete dann aber doch ein Verfahren ein. Es ist verwunderlich, dass die Stadt sich nicht an den für diese Zeit wegweisenden „Hexenhammer“ orientierte. Der „Hexenhammer“ war eine Art Handbuch für die Hexenverfolgung. So mussten beispielsweise „Malefizien“, also Schadzaubervorwürfe, dargelegt werden. Nach Anleitung des Hexenhammers müssen für eine Folterung mehr als eine Anklage vorliegen – dies war bei der Erneuerung der Klage gegen Barbara nicht der Fall. Da der Prozess dauerte und nicht das gewünschte Ergebnis Josts hervorbrachte, begann Jost die Prozessführung anzuzweifeln und stellte Forderungen an einen neuen Scharfrichter. Mit Erfolg: Scharfrichter Meister Caspar wurde durch Niclas Pfraum aus Simmern ausgetauscht. Dieser war bekannt dafür, mit den Folterungen recht schnell das erbetene Ziel zu erreichen. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Barbara Wambsganß gab auf und gestand. Sie nannte noch den Namen weiterer Frauen, die im Laufe der nächsten Jahre dasselbe Schicksal erlitten wie sie. Wie das Leben Barbaras endete, ist nicht dokumentiert. Es kann aber von einer Todesstrafe ausgegangen werden.

Die dramatische Geschichte der Barbara Wambsganß zeigt zum einen die vormoderne Vorstellung von Frauen sowie den Aberglauben einer Dorf- und Stadtgesellschaft auf. Sie ist aber auch für das Nachvollziehen der Entwicklung urbaner Strukturen von Bedeutung. Das Gerichtswesen und die Rechtsprechung unterlagen im Laufe der Jahrhunderte einer starken Weiterentwicklung. Galten im 16. Jahrhundert noch Handbücher und Empfehlungen, setzte sich mit der Zeit das kodifizierte Recht durch. Das Gerichtswesen der Stadt Landau kennzeichnet keine rechtlich autarke Vorgehensweise mehr, sondern die Bindung an Recht und Gesetz.

Heute erinnert ein Denkmal an die zehn der Hexerei bezichtigten Nußdorfer Frauen, geschaffen 2014 von Karlheinz Zwick.

Zum Weiterlesen: Rolf Übel: Eine Wiederaufnahme – die Landauer und Nußdorfer Hexenprozesse von 1580 bis 1590. Zu beziehen beim Autor, 7€

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